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Die Maori und der Film "Whalerider"

 
Die Maori und die
Kulturen des Pazifischen Ozeans
   

Die Matriarchale Zeit

Die patriarchale Zeit

Aotearoa, "Land der weißen Wolke" ist der Maori-Name für Neuseeland, als dessen Entdecker der Niederländer Tasman seit 1642 gilt. Tatsächlich war Aotearoa von den Maori schon lange Zeit vorher besiedelt worden.  

Hongi - Maori Begrüßung,
Berührung mit den Stirnen und manchmal der Nasen.
Hongi  bedeutet "riechen" und die Geste symbolisiert  den Austausch des Atems, und Teilen der Lebenskraft.

1840 unterzeichneten 500 Stammesführer der Maori mit der englischen Krone den "Treaty of Waitangi". In diesem Vertrag traten die Maori ihre Souveränität über die Inseln ab. Im Gegenzug erhielten sie das alleinige Besitzrecht an ihrem Land, den Fischgründen und den Wäldern sowie das Recht auf die britische Staatsbürgerschaft. Die Kolonialmacht verpflichtete sich, über jedes Stück Land, das sie erwerben wollte, mit der jeweils betroffenen Maori-Gemeinschaft direkt zu verhandeln. Eine kollektive Aufgabe von Besitzrechten seitens der Maori enthielt der Vertrag nicht. Dies wurde jedoch sowohl von den Briten als auch den ihnen folgenden Regierungen Neuseelands weitgehend missachtet.

Assimilierungspolitik, Landraub, soziale und kulturelle Diskriminierung führten zur Verelendung der Maori. Eingeschleppte Krankheiten und kriegerische Konflikte mit englischen Siedlern und Truppen führten zu einem drastischen Bevölkerungsrückgang von etwa 140.000 Maori zur Zeit der Vertragsunterzeichnung auf gerade noch etwa 42.000 zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile machen die Nachkommen der Maori mit 400.000 Angehörigen wieder mehr als 12 Prozent der Bevölkerung Neuseelands aus.

Land ist für die Maori aber nicht nur Wirtschaftsgrundlage, sondern hat zentrale Bedeutung für ihre Kultur und Geschichte. Die Maori haben eine tiefe Bindung an die Erde. Ihrem Glauben nach ist die Natur belebt, Bäume, Pflanze oder Stein haben eine mana, eine spirituelle Kraft.

Ende der 70er Jahren kam es zu großen Protestmärschen und Besetzungen. Noch 1978 vertrieb ein riesiges Polizeiaufgebot die Besetzer von Bastian Point und verhaftete 222 Maori. Zehn Jahre später ging dann nicht nur dieses Stück Land in Aucklands bester Lage an seine ursprünglichen Besitzer, die Ngati Whatua-Maori zurück. Der Staat zahlte außerdem drei Millionen neuseeländische Dollar Entschädigung.
Ein Tropfen auf den heißen Stein für eine verlorene Vergangenheit, Kultur und Identität...

Eine der erstaunlichsten Leistungen in der Menschheitsgeschichte ist die Seefahrerkunst ozeanischer Völker, mit der sie die Inseln des Pazifik über ungeheure Wasserdistanzen hinweg besiedelten. Zur gleichen Zeit machten unsere antiken Argonauten und alten Wikinger-Helden nur vergleichsweise kurze Hüpfer über See von Land zu Land, und es dauerte noch einmal nahezu tausend Jahre, ehe sich Columbus mit seinen dickbauchigen Schiffen über den Atlantik wagte. Zu dieser Zeit war bereits der gesamte pazifische Raum von mikronesischen und polynesischen Stämmen, die miteinander verwandt sind, besiedelt.

Ihre kühnen Routen führten sie bis Hawaii als nördlichsten und Neuseeland als südlichsten Markstein, und sie gelangten bis zur im äußersten Südosten verloren liegenden Osterinsel, diesem »einsamsten Punkt der Erde«. Die Osterinsel wurde schon in dieser frühen Zeit zum Sprungstein für Entdeckungsfahrten zur südamerikanischen Küste auf der Höhe von Chile und Peru, ebenso wurde die mittelamerikanische Küste von Hawaii aus entdeckt (vgl. Karte).

 

Mit den mikronesischen und polynesischen Stämmen wanderte ihre hoch entwickelte Pflanzenbau- und Megalithkultur, die von den matriarchalen austronesischen Völkern Südostasiens und Indonesiens abstammt, über den pazifischen Raum. Einen Nachweis für diesen Zusammenhang liefert uns die Linguistik, welche die polynesischen Sprachen auf die austronesischen zurückführen kann, andere liefern die Funde der Archäologie und Ethnologie.

Die Schiffe, mit denen die ozeanischen Völker Tausende von Kilometern auf offenem Meer überquerten, scheinen uns einfach und haben dennoch außerordentliche Seetüchtigkeit. Die größten ihrer Schiffe waren Doppelkanus, nach dem Auslegerprinzip gebaut und je zwei aneinander gebunden, mit denen sie wochen- und monatelange Entdeckungsfahrten über die Weite des Pazifik unternahmen.
Diese Reisen wurden nicht aus purer Entdeckerlust oder Gier nach Schätzen unternommen, sondern aus der Not um bebaubares Land, das - gemessen an den winzigen Inselketten in der riesigen Wasserwüste des Ozeans - äußerst knapp ist. Hunger, Verarmung, aufkommender Streit wegen Landknappheit trieben diese Menschen immer wieder in der Hoffnung aufs Meer hinaus, ein neues, bebaubares Inselchen zu entdecken.

Diese Suche führte die Polynesier in Zonen, die von dem subantarktischen Gürtel auf der Südhalbkugel (Neuseeland) quer über äquatoriale Gebiete bis zum subtropischen Gürtel auf der Nordhalbkugel (Hawaii) reichen. Wie viele Menschen auf dieser Suche nach bebaubarem Land nie an ihr Ziel gelangten, ist unbekannt. Nachgewiesen ist jedoch, dass sie diese Reisen nicht dem Zufall überließen, sondern sie wohl organisiert mit Frauen und Kindern, mit gezüchteten Pflanzen und Tieren antraten. Denn eine Zufallsreise könnte nicht die vielfältigen Funktionen gewährleisten, die zur Neuansiedlung eines Stammes auf unbekannten Inseln erforderlich sind.

Segeln war dabei die wichtigste Fortbewegungsart, denn durch Rudern lassen sich die ozeanischen Distanzen nicht überwinden. Heimkehr zu einmal zurückgelassenen Archipelen war deshalb meist unmöglich, nur in wenigen Fällen entstanden durch günstige Winde Routen, die in beide Richtungen befahren werden konnten (Beispiel Tahiti-Hawaii). Die Bewältigung dieser Aufgabe setzt eine hohe Navigationskunst voraus, die einzelne Inselpunkte in der Uferlosigkeit des Ozeans wieder finden lässt. Es ist erwiesen, dass die Polynesier nach den Sternen navigierten, von deren Bewegung sie hervorragende Kenntnisse besaßen.

 

WHALERIDER

Maori-Kanu aus dem Film Whalerider.

  INHALT des Films:

Die Maori eines kleinen neuseeländischen Küstenorts bezeichnen Paikea, den Walreiter, als ihren Stammesvater. Seit über tausend Jahren bekommt ein männlicher Nachfahre in jeder Generation des Oberhaupts diesen Titel übertragen. Der Zeitpunkt für einen Generationswechsel scheint gekommen. ...

So verbreiteten sie sich in mehrtausendjähriger Besiedlungsgeschichte in allmählicher West-Ost-Bewegung mit einzelnen Gegenbewegungen über den ganzen pazifischen Raum. Bei dieser Ausbreitung über mehrere Klimazonen mussten sie ihre ursprüngliche Gartenbaukultur verändern und an die verschiedene Natur der Inseln anpassen. Deshalb variiert ihre Ökonomie vom tropischen Gartenbau (Hawaii) bis zur subantarktischen Jägerei (Maori auf Neuseeland).

Es ist verständlich, dass in dieser irdischen Vielfalt der Sternenhimmel im Denken der Polynesier die einheitstiftende Instanz wurde, insbesondere der Mond als Zeitmesser. Denn das Verhalten der Sonne ändert sich stark von einer Klimazone zur anderen. In der ganzen Region von Indonesien über Melanesien bis Polynesien gab es daher bis zur Gegenwart nur den Mondkalender. Sonnenkalender und Sonnenkult waren dagegen unbekannt, die Sonne spielte in der Mythologie keine Rolle.

Hina, die Mondgöttin, aber war - bis zur Christianisierung - die älteste und dominante weibliche Gottheit in Polynesien und wurde sehr verehrt. Sie galt als Mutter alles Lebendigen, als Hina-kua im Osten die Göttin derer, die noch geboren werden, als Hina-alo im Westen die Göttin derer, die schon geboren sind.
So umfasste sie den ganzen Himmel und die ganze Erde von Ost nach West, begleitet von einem männlichen Prinzip namens Ku. Hina und Ku waren die beiden großen Ahnengötter der Polynesier.

 
  ... Die Frau Porourangis (Cliff Curtis), des ältesten Sohn des Häuptlings, erwartet Zwillinge. Doch der Sohn und die Mutter sterben bei der Geburt. Das überlebende Mädchen erhält den Namen Pai(kea) (Keisha Castle-Hughes).
Voller Gram verlässt der Vater nach dem Tod der geliebten Frau und des Sohnes seine Heimat und übergibt Pai den Großeltern zur Erziehung. ...
Diese hohe Stellung der Mondgöttin bei den ozeanischen Völkern verwundert nicht, denn sie haben ihr Wirken deutlich vor Augen: Sie bestimmt die Gezeiten des Meeres, sie macht in diesen wasserreichen Zonen das Wetter, sie beeinflusst das Wachstum der tropischen Pflanzen, die nach dem Mondkalender gesetzt und geerntet werden und sie zeigt durch einfachen Wechsel ihrer Haut, wie der Übergang vom Leben zum Tod und vom Tod wieder zum Leben geht.
Darum war sie in allen pazifischen Kulturen (Indonesien, Melanesien, Mikronesien, Polynesien) die Göttin von Leben, Tod und Wiedergeburt, denn sie konnte - doppelgesichtig freundlich oder dämonisch - Leben, Jugend und Schönheit geben oder verweigern.

Ihr mythischer Sohn war Maui (oder Tiki), ein Mensch und Kulturheros, kein Gott. Als Mondheros kämpfte er gegen die Sonne, damit sie seine Mutter nicht überstrahle, und als schamanischer Priesterkönig und Trickster setzte er sich für das Wohl der Menschen ein. So trennte er Himmel und Erde voneinander, erfand das Feuer, fischte Inseln zum Wohnen aus der Tiefe, rettete seine Mutter vor einem Seeungeheuer (Mondfinsternis) und suchte vor allem nach seiner und der Menschen Unsterblichkeit. Er flehte seine Mutter an, durch Wiederkehr den Menschen Unsterblichkeit zu geben, so wie sie es konnte, aber sie weigerte sich. Da versuchte Maui, durch Hinas Mund oder Uterus in sie hineinzukriechen, um auf diese Weise unsterblich wie sie zu werden, aber auch dieser Versuch schlug fehl. Er blieb nur der Mondgöttin Kind und dem Tod unterworfen.

In dieser sehr alten und in ganz Polynesien verbreiteten Mythe spiegelt sich das archaische, matriarchale Muster vom auf die Göttin bezogenen heiligen Königtum, das der Beginn des späteren, rein männerorientierten polynesischen Königtums war. Aber auch dann betrachteten sich die Könige noch als direkte Nachkommen Mauis und trugen den Titel »Herr vom Monde« (Tonga), und die Todesankündigung für den König lautete: »Der Mond ist gefallen!« (Samoa)

Die verblüffende Ähnlichkeit der Megalithbauten der matriarchalen Völker Ostindiens (Khasi und Nagas in Assam) und der Polynesier, bis in die sprachlichen Bezeichnungen hinein, verweist über das verbindende Glied der bootfahrenden, austronesischen Völker Südostasiens auf einen sehr alten, kulturellen Zusammenhang. So heißt der rechteckig gebaute Kultplatz der Polynesier »Tohua«, bei den Nagas in Assam ist er ein Steinering und heißt »Tehuba«. Eine stumpfe Pyramide, mit Stufen versehen, die ein heiliges Grab enthält, heißt bei den Polynesiern »Ahu«, die Nagas nennen sie »Dahu«."
Die Kombination von beiden Bauelementen, verbunden mit hohen Menhiren, die zugleich die Ahnen verkörpern und Sitze für die Könige und Häuptlinge sind, machen die »Marae«, die offenen Tempel der Polynesier aus.
Sie haben bei den verschiedenen Inselkulturen verschiedene Ausprägungen bekommen: Sie sind einfacher oder komplexer, die Stufenpyramiden erreichen auf Tahiti eine Höhe bis 13 m, die Osterinsulaner schmückten ihre »Ahus« nicht nur mit Menhiren, sondern mit großen Steinfiguren. Immer ist ihnen aber gemeinsam, dass sie als »Bett der Ahnen« gelten, mit deren Geistern die hervorragendsten Männer des Stammes in segenbringenden Kontakt treten können.

 

Versammlungshaus der Maori (Foto aus Whalerider)
Das Marae ist die offene Fläche vor dem mit kunstvollen
Holzschnitzereien geschmückten Versammlungshaus und
der Mittelpunkt der Maori-Kultur.
Ein Ort der Spiritualität und der Lebenskraft, wo Leben und Tod
sich verbinden, wo die Ältesten respektiert und die Sprache
gepflegt wird. Jeder hat das Recht, gehört zu werden,
hier werden traditionelles Wissen und Überlieferungen
weitergegeben. Und im Marae werden Gäste empfangen.

 
... Koro (Rawiri Paratene), das Stammesoberhaupt und zugleich Pais Großvater, weigert sich, das Mädchen als seine traditionelle Nachfolgerin anzuerkennen und behauptet, er habe keinen Bedarf für sie.
Doch Pais Großmutter Flowers (Vicky Haughton) erkennt in ihr nicht nur das fehlende Glied der Erblinie - sie sieht in Pai auch das verzweifelt nach Liebe suchende Kind.
Im Lauf der Zeit beginnt auch Koro das Mädchen zu lieben. ...
In der Schicht der Aristokratie gab es noch interessantere Relikte einer ehemals matriarchalen Gesellschaftsordnung: Die Aristokraten verbanden sich in Bruderschaften, »Areoi« genannt (Tahiti). Sie haben Ähnlichkeit mit Männerbünden, sind aber wegen ihrer Verwandtschaftslinien noch Reste matriarchaler Sippenorganisation. Bei ihnen hatte ein heiratender Mann Anrecht auf alle Schwestern seiner Gattin, und seine Frau Anrecht auf alle seine Brüder.
Daraus entstand die uns bekannte Schwestern-BrüderGruppenehe, deren Name auf Hawaii »Punalua« ist »Vielheit von Gatten und Gattinnen«. Diese »Punalua«-Ehe war in ganz Polynesien verbreitet und hatte sich zuletzt noch in der Aristokratie erhalten (Hawaii, Tahiti, Osterinsel). In Neuseeland war sie keine Institution mehr, aber aus Maori-Mythen bekannt.
 

Großmutter und Enkelin (aus Whalerider)

  ... Als Pais Vater Porourangi, mittlerweile ein international gefeierter Künstler, nach Jahren wieder in seinen Geburtsort zurückkehrt, hofft Koro darauf, dass der Sohn endlich sein Schicksal akzeptiert und zu seinem Nachfolger wird.
Doch Porourangi denkt nicht daran, die Verantwortung für die Geschicke der kleinen Dorfgemeinschaft zu übernehmen. Sein Herz schlägt vielmehr für seine neue Freundin, die in Deutschland sein Kind erwartet.

Nach einem heftigen Streit mit Koro verlässt er erneut Neuseeland und überredet Pai, ihn zu begleiten. Sie tritt die Reise mit ihm auch an, kehrt jedoch schon einen Tag später mit der Begründung, ihr Großvater brauche sie, zurück. ...

Eine wichtige Rolle spielte in den Familien die Schwester eines Mannes. Trotz des Ausschlusses der Frauen aus den »Marae«, den Ahnentempeln, wurden auf Samoa die religiösen Familienriten nicht durch den Mann, sondern seine Schwester ausgeübt. In ganz Polynesien spielte die älteste Schwester eines Häuptlings eine große Rolle, sie war üblicherweise die Priesterin der Familie und genoss zeremonielle Verehrung.  
  ... Koro lässt sich jedoch auch weiterhin von seinen Vorurteilen blenden. Selbst Flowers schafft es nicht, ihn von Pais Führungsfähigkeiten zu überzeugen.
Der alte Mann behauptet sogar, dass mit Pais Geburt die Pechsträhne seines Stammes begonnen habe.

Also ruft er alle Dorfbewohner dazu auf, ihm ihre zwölfjährigen Söhne zur Ausbildung zu bringen. Koro hofft darauf, dass sich ihm während des anstrengenden Lernprozesses, bei dem die Jungen die traditionellen Gesänge, Stammesriten und Kampftechniken erlernen, der zukünftige Stammesführer offenbart. ...

Maori-Jungen (aus Whalerider)

Patriarchalisierung in Ozeanien

Was hat zur Patriarchalisierung der anfangs matriarchalen Verhältnisse in Ozeanien geführt?

In Ozeanien mit seiner speziellen Situation von riesigen Anteilen Meer und winzigen Anteilen bewohnbaren Landes sind die Ursachen leicht einsehbar.
Um sie in kürzester Form zu benennen:
Es sind die Landknappheit und die dadurch bedingten extremen Wanderungen über den Ozean. Denn auf allen pazifischen Inseln kann nur eine eng begrenzte Zahl von Menschen leben, nirgendwo sind sie in ihrem Lebensraum und in den Ressourcen stärker eingeengt als hier. Überall in diesem Gebiet gab es daher strikte Formen von Geburtendrosselung, an erster Stelle standen dabei Abtreibung und Nichtannehmen der Neugeborenen durch die Mütter.

Durch medizinische Maßnahmen machten sich viele Frauen unfruchtbar, der Verzicht auf Nachkommen war außerdem ein Mittel des sozialen Aufstiegs. Kinderlosigkeit galt als vornehm, zu häufige Mutterschaft dagegen als nicht standesgemäß.

Trotz dieser auf strengste Weise eingeschränkten Fortpflanzung war es unvermeidlich, dass die Bevölkerung allmählich anwuchs und dass bei Überfüllung Hungersnöte ausbrachen.
Dies führte zu zweierlei Reaktionen: entweder zum völligen Absinken des Lebenswillens der Menschen, die das Aussterben bevorzugten, oder zum Aufbruch auf eine Expedition ins Ungewisse in die Weite des Pazifischen Ozeans.

Diese Expeditionen, um Land zu finden, waren der Motor der Besiedelung Ozeaniens; besonders trockene Archipele, deren Fruchtbarkeit Grenzen hatte, waren immer wieder Orte, von denen sich Gruppe um Gruppe von Bootsfahrern löste (Marquesas).

Auf diesen Wanderungen spielten Männer eine große Rolle, denn selbst in matriarchalen Gesellschaften waren der Bootsbau und die Fischerei auf hoher See sowie Tausch- und Handelsfahrten ihre Aufgabe. Das gesamte Unternehmen wurde zwar von der Clan-Königin geleitet, welche das andere Boot des Doppelschiffes besaß, aber die technische Ausführung stand unter männlicher Leitung. Diese Situation brachte den »charismatischen Führer« hervor, um den sich seine Gefolgsleute auf den gefährlichen, entbehrungsreichen Wanderungen scharten. Er führte sie in ein neu entdecktes »gelobtes Land«, und dafür wurde er mit einer Sonderstellung belohnt.

 
  ... Währenddessen ruft Pai in ihrer Einsamkeit und Verzweiflung mit traditionellen Gesängen die Geister ihrer Vorfahren um Hilfe – und wird in der Tiefe des Ozeans von den Walen erhört.

Als die riesigen Säugetiere vor dem Ort stranden, deutet Koro dies als Zeichen für das nahende Ende seines Stammes.

Nur eine Person kann jetzt noch den drohenden Untergang abwenden: Der legitime Nachfolger des Walreiters...

Der Film:
whalerider.de

Ab 14. August 2003 im Kino.

Das Buch:
Whalerider.
Die magische Geschichte vom Mädchen, das den Wal ritt.
von Witi Ihimaera

Der Maori-Schriftsteller Ihimaera fühlte sich bereits 1985 zu WHALE RIDER inspiriert, als er in einem Apartment am New Yorker Hudson River lebte: „Um mich herum dröhnten Helikopter, alle Schiffe auf dem Fluss hatten die Sirenen eingeschaltet – ein Wal hatte sich in die Mündung des Hudson River verirrt, man konnte seine Fontänen erkennen“, erinnert er sich. „Da musste ich an meine Heimatstadt Whangara und den Walmythos der Gegend denken.“
Ihimaera hatte mit seinen Töchtern eine Reihe von Actionfilmen angesehen, als sie ihn fragten, warum in all diesen Filmen immer der Junge der Held und das Mädchen hilfebedürftig war. „Also entschloss ich mich, einen Roman mit einer weiblichen Heldin zu verfassen und schrieb WHALE RIDER innerhalb von drei Wochen.“
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Langsam bildete sich so ein Häuptlingstum heraus, das von seinen Taten zehrte und Privilegien erwarb. Diese soziale Situation steigerte sich, je weiter wir in Ozeanien von West nach Ost kommen, also je mehr extreme Wanderungszüge die Menschen in ihrer Stammesgeschichte zu bewältigen hatten.

In Polynesien ist das Häuptlingswesen am ausgeprägtesten. Die Situation verschärfte sich, wenn zur gelungenen Expedition noch das Niederkämpfen und Vertreiben einer bereits ansässigen Bevölkerung hinzukam. Nun mußten aus den Expeditionsführern auch Kriegerhäuptlinge werden, und klarerweise konnten nur diejenigen Ankömmlinge überleben, die ihre Schiffsmannschaften am besten auf Gehorsam gedrillt und als bedingungslose Gefolgsleute um sich geschart hatten. Diese waren erfolgreich, eroberten das Land und errichteten über die Erstbesiedler eine zweigeschichtete Klassengesellschaft.

Nach einer 1998 publizierten DNA-Studie stammen die Vorfahren der Maori sowie auch der anderen polynesischen Ureinwohner ursprünglich aus dem chinesischen Raum. Die Maori wanderten von den Cook-Inseln um 900 u.Z. nach Aotearao und verdrängten die ansässigen Gruppen der Maorioris, der Moajäger, in blutigen Kämpfen. Die Maori lebten in den ersten Jahrhunderten der Besiedlung vor allem von der Jagd, obwohl sie eigentlich Ackerbauer waren. Durch Landrodung wurde dabei den Moas, straußenähnlichen Riesenvögeln, die Lebensgrundlage entzogen und sie starben aus. Allmählich gingen die Maoris wieder zur Ackerbauerkultur über und pflanzten vor allem Süßkartoffeln, Yams und Taro an und lebten vom Fischfang.

Auf diese tausendjährige Tradition bezieht sich der Großvater in dem Film "Whalerider".

1856 wählten die Maori mit Te Koote den ersten Häuptling mit stammesübergreifenden Kompetenzen; noch heute gibt es eine Maori-Königin, die von Europäern wie Maoris  anerkannt wird. Zunächst wurde diese „Königsbewegung" jedoch als Herausforderung der britischen Souveränität aufgefasst, und es kam zu einer Fortsetzung des Krieges.

Nachdem Te Koote 1865 aus der Haft geflohen war, führte er einen Guerillakrieg gegen die Briten, der im Februar 1872 endete. Als Folge des Krieges konfiszierten die Engländer Land der Maori.

National- und Staatsflagge Neuseelands

Flagge Neuseelands

 
Die Flagge der Maori

Nationalflagge der Maori -
in den Farben der dreifaltigen Göttin...

Das Patriarchat macht sich breit

1841 verlegt Gouverneur William Hobson seine Residenz vom "Sündenpfuhl“ in der Bay of Island weiter nach Süden in die erst kurz zuvor gegründete Siedlung Auckland an der nur neun Kilometer breiten Landenge, die die Gewässer des Pazifiks von denen der Tasman See trennt.

Den Maori hatten die Europäer für die Abtretung des 1.200 Hektar großen Küstenstreifens 55 britische Pfund, einige Äxte und Hosen sowie eine Tüte Zucker bezahlt. Heute ist Auckland mit einer Gesamtfläche von mehr als 100.000 Hektar die drittgrößte Stadt der Erde, mit rund 1,1 Millionen Einwohnern mit Abstand die größte Stadt Neuseelands und darüber hinaus auch seine bedeutendste Wirtschaftsmetropole.

Die Spannungen zwischen den inzwischen sehr zahlreichen britischen Einwanderern und den Maori, die sich um ihr Land betrogen fühlen, nehmen erneut zu und gipfeln letztendlich zu einem von 1843 bis 1848 dauernden Krieg, der unzähligen Maori, aber auch vielen Weißen das Leben kostet.

 

Das Patriarchat schlägt weiter zu...

1877 erkundet der 32jährige Österreicher Andreas Reischek die Westküste der Südinsel Neuseelands. Er ist Sammler und Tierpräparator.

Berühmt wurde Reischek aber nicht durch seine Arbeit als Tierpräparator. Er war ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler. Auf seinen Streifzügen durch die neuseeländische Wildnis erlegte und archivierte er alles, was ihm in die Quere kam. In seinem Reisegepäck auf der Rückfahrt nach Österreich befanden sich 3.016 Vögel und 120 Säugetierbälge, dazu Tausende von Fischen, Reptilien und Pflanzenproben.

Verhängnisvoll war, dass Reischek seine Sammelleidenschaft auch auf die Kultur der Maori ausdehnte. Unzählige Grabbeigaben, 37 Totenschädel und sogar zwei mumifizierte Leichname schaffte er außer Landes. Wohl wissend, dass die verstorbenen Ahnen bei den Maori einem absoluten Tabu unterliegen, räumte Reischek die Grabstätten im Schutz der Dunkelheit aus.

Die Grabräuberei haben die betroffenen Maori-Familien - eine der Mumien ist eindeutig als Vorfahre der heutigen Maori-Königin identifizierbar - Reischek nicht verziehen.

Und auch nicht der Republik Österreich, dass sie die sterblichen Überreste und die Grabbeigaben bis heute im Wiener Völkerkundemuseum aufbewahrt.

Seit Jahrzehnten fordern die Maori ihre Besitztümer zurück. Doch um einen Präzedenzfall zu vermeiden, lehnen die Österreicher wie auch andere ethnologische Museen in Europa und USA die Rückgabe von ethnologischen Gegenständen kategorisch ab...

Die Maori 1981 gründen eine eigene Partei (Manu Motuhake).  
  1987 wird Maori neben dem Englischen offiziell als Landessprache zugelassen und wird Unterrichtsfach in den Schulen.
Der Waikato-Maori-Stamm erhält 1994 von der Regierung rund 14.000 Hektar Land zurück und außerdem 170 Millionen NZ-Dollar als Entschädigung für Mitte des 19. Jahrhunderts von weißen Siedlern konfisziertes Land.  
  Regierungschef Jim Bolger und Maori-Königin Te Arikuinui Dame Te Atairangikaahu unterzeichnen 1995 einen Vertrag zur Rückgabe von Land und finanzieller Entschädigungsleistungen von rund einer Milliarde neuseeländischer Dollar innerhalb von zehn Jahren an die Maori.
   

 

 

Quellen:

WhaleriderWhalerider, Witi Ihimaera (das Buch)

Whalerider (DVD), erscheint  am 19. Jan 2004 (UK-Version)

Heide Göttner-Abendroth, Das Matriarchat II,1

Anne Wilson Schaef, Botschaften der Urvölker

Bronislaw Malinowski, Das Geschlechtsleben der
Wilden in Nordwest-Melanesien

James George Frazer, Der Goldene Zweig

Whalerider, Audio CDWhalerider - Musik - die Audio-CD

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