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Olympia - Heiligtümer der Göttinnen, Spiele der Frauen

von Sigrid R. Ammer (1)

In Olympia gilt es, etwas Verschwiegenes, von patriarchalischem Denken Verschüttetes oder Beiseitegeschobenes auszugraben, etwas, was Sie in keinem Reiseführer, in keiner leicht zugänglichen Beschreibung der Geschichte der olympischen Spiele finden werden: Ein kleiner und doch bemerkenswerter Teil der Geschichte der Frau.

Darüber später, denn ich möchte Sie erst darauf vorbereiten.

Olympia, GriechenlandAm schönsten ist die Ausgrabungsstätte Olympia am frühen Morgen, wenn die Touristenbusse noch auf ihre Passagiere vor den Hotels warten oder eine Stunde, bevor die Trillerpfeifen der Wächter die letzten Bewunderer zum Verlassen des Ortes auffordern. Olympia erscheint dann wie ein weitläufiger Park, geschmückt mit Säulentrommeln, Gesimsen, moosüberwachsenen Steinen und alten, weit ausladenden Kiefern. Es liegt Stille über der Landschaft. Es sind die Tageszeiten, wenn die Schmetterlinge, die Bienen und Käfer noch ungestört in der Morgensonne ihren Geschäften nachgehen oder am Spätnachmittag sich wieder aus ihren Verstecken herauswagen, weil sich der touristische Tausendfüßler verlaufen hat. Es sind die Tageszeiten, wenn die Erde und die Überreste der Vergangenheit zu den empfindsamen Besucherinnen sprechen und diese, die hier noch immer atmende Erhabenheit zu erspüren vermögen.

Modell des heiligen Bezirks in Olympia

Klick für größere Bilder

Grundriss des Altis in Olympia

Die meisten Menschen, die Olympia besucht haben, werden auf die Frage, was ihnen am meisten Eindruck gemacht hat, die Paläste und natürlich den Tempel des Zeus nennen, der übrigens erst 456 v.u.Z. fertig gestellt wurde. Ein eindrucksvolles Bauwerk, mitten in die Altis (siehe Abb. rechts), den heiligen Bezirk, gesetzt, zu eben diesem Zweck: Eindruck zu machen und um alles andere in den Schatten zu stellen. Und genau in diesen "Schatten" möchte ich Sie nun führen.
Alle Tempel hier und anderswo, deren Überreste wir heute bewundern, waren aus Stein errichtet. Dabei sollten wir aber nicht aus den Augen verlieren, dass frühere Tempel aus (Eichen-) Holz erbaut waren und deshalb zerfallen sind oder den Flammen zum Opfer fielen. Das bedeutet, dass wir nur spärliche oder gar keine Kenntnis von ihnen haben und also nicht wissen können, was möglicherweise unter den Steinbauten an viel älteren Holztempeln bestanden haben könnte, damals in einer frauenzentrierten Gesellschaft.

Olympia, und das wird Sie vielleicht erstaunen, ist ein durch und durch weibliches Heiligtum. Lassen Sie mich Ihnen nur einige Gottheiten nennen, deren Kulte oft weit in die vorhellenische Zeit zurückreichen.

AtheneAthene hatte zwei Altäre in der Altis. Sie ist, lange bevor sie den patriarchalischen Ideen nach dem Haupte des Zeus entstieg, von Libyen (Platon identifiziert Athene mit der libyschen Göttin Neith) über Kreta nach Griechenland "eingewandert". "Ausgegrabene Tongefäße lassen darauf schließen, dass eine libysche Einwanderung nach Kreta schon im Jahre 4.000 vor Chr. stattgefunden hat." (2)

An fünf Altären wurde Artemis verehrt, eine jungfräuliche Göttin, deren Wurzeln weit in prähellenische Zeiten zurückreichen. Sie erscheint als "tötende und lebensgebende Muttergöttin" (Pauly 1, 168), also nicht nur die "schwarze", sondern auch als die "rote" Göttin und in ihrer jungfräulichen Erscheinungsform als die "weiße", wodurch sie zu ihrer Dreifaltigkeit ergänzt wird.

Ein sehr alter Kult galt Gaia, der auch mit Weissagungen verbunden war. Gaia ist die personifizierte Erde, das göttliche nährende und hegende Wesen, das alles Sterbliche hervorbringt und wieder einfordert.

Ein Altar wurde zur Verehrung Eileithyas erreichtet. Sie ist eine kretisch-menoische, vielleicht sogar eine kleinasiatische Geburtsgöttin.

Die jungfräuliche Göttin Hestia ist die Hüterin des Herdes, des reinigenden, lebensspendenden, nie erlöschenden Feuers. Ihr Kult des deifizierten Herdes in Olympia bezeichnet den heiligen Mittelpunkt und die religiöse Grundidee der häuslichen Rechts- und Schutzsphäre." (Pauly 2, 1119)

Desgleichen wurde Themis, die Göttin des "altgeheiligten Rechts" (Pauly 5, 676), an ihrem Altar verehrt.

Auch den Moira, d.h. den Schicksalsgöttinnen, vergleichbar den nordischen Nornen, die den Lebensfaden beginnen, spinnen und abschneiden, war ein Heiligtum geweiht. Die Moira sind die Vorstellung des Schicksals: Jeder Mensch erhält seine "Portion" an Leben zugeteilt.

Die Musen in ihrer Neunzahl hatten ein Heiligtum. Sie sind die Beschützerinnen allen geistigen Lebens.

Selbst den Nymphen, alten Vegetationsgottheiten, waren drei Altäre geweiht. Die Nymphen sind weibliche Elementargeister, die immer mit Wasser aller Art, besonders aber mit Quellen in Verbindung stehen.

In Olympia versammeln sich also in den Göttinnen alle Elemente, die dem Leben notwendig dienen und die Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen. Der Herd gibt Wärme und dient der Nahrungszubereitung, für das Wachstum sind alle die Göttinnen zuständig, die mit der Vegetation zu tun haben (Gaia, Demeter, und andere). Athene beschützte das Handwerk, lehrte die Kunst der gebrannten Töpfe, brachte den Webstuhl und lehrte das Spinnen, so war für die Kleidung gesorgt. Sie erfand das Joch des Ochsen und den Pflug und half damit, die Ernte zu vervielfachen. Gleichfalls sind der Wagen und das Schiff ihre Erfindungen. Auch für den Ablauf des Lebens ist gesorgt: In Eileithias Händen liegt die Geburt, die Moira begleiten das Leben, und Themis sorgt für das Recht in der Gemeinschaft, Artemis' Pfeil für einen "sanften" Tod.

Wir können für Olympia von mindestens 16 dort verehrten weiblichen Gottheiten ausgehen. Kennen Sie einen den Frauen heiligeren Ort?

Nach der matriarchalen Zeit fand mit der Dorischen Wanderung am Ende des 2. Jahrtausends vor Chr. eine schleichende Usurpation statt. Zeus mit seinen patriarchalischen Elementen übernahm erst Ort und Macht über den Umweg im Heratempel, in dem seine Statue neben die der Hera gestellt wurde, und später (im 5. Jahrhundert v. Chr.) ganz konkret mit seinem riesigen Tempel in der Altis.

Sollten Sie nun die uralte, die weibliche Seite Olympias erleben wollen, rate ich Ihnen, Ihre Schritte hin zum nördlichen Teil der Ausgrabung zu lenken.
Beginnen wir unseren Rundgang im "Schatten" des Zeustempels im Nordwesten der Anlage, Nordhalle und Gymnasium (2. Jahrhundert vor Chr.) außer Acht lassend. Wir kommen dann zum Prytaneion mit dem einstigen Raum für den Hestiakult. Gönnen Sie diesem Heiligtum einen kurzen Aufenthalt. Können Sie die Flammen an der Herdstelle züngeln sehen?

Gehen Sie nun ein paar Schritte weiter nach Südosten. Wenn Sie wollen, setzen Sie sich unter einen Baum und betrachten Sie die Überreste des Tempels der Hera, einer Göttin, die ich aufgespart habe und die doch die wichtigste für unsere "Ausgrabung" sein wird. Für den Ursprung der olympischen Spiele ist sie nämlich von maßgebender Bedeutung.

Wenn Sie die Augen schließen, vermögen Sie vielleicht den Tempel in Ihrem Innern auferstehen zu lassen, den frühen, den mit den hölzernen Säulen. Legen Sie einen Giebel über das Holzgebälk und betreten Sie dann, wenn Sie eine Frau sind, I h r e n Tempel, und wenn Sie ein Mann sind, seien Sie ein willkommener Gast.
Wenn Sie nun weiter nach Osten wandern, treffen Sie auf einen kleinen Tempel, das Metroon, den Tempel der Mutter der Götter. Er entstand am Anfang des 4. Jahrhunderts vor Chr. und war der letzte Tempelbau in Olympia. Aber "Funde zahlreicher Votive vor der Westseite lassen auf älteste Kulttradition schließen." (Pauly 3, 1283).

Lenken Sie Ihre Schritte weiter nach Osten. Gehen Sie den überwölbten Gang entlang und betreten Sie nun das Stadion selbst. Endlich sind wir da angelangt, wo ich Sie hinführen wollte: bei den Spielen. Das Stadion hier ist nicht das älteste. Was sich vor Ihnen erstreckt, stammt vielmehr aus der Mitte des 4. Jahrhunderts.
Stadion in OlympiaSicher haben hier niemals Frauen Wettläufe veranstaltet, es ist zu jung. Sie staunen? Frauen? Wettläufe? Wie das? Nun, ich werde es Ihnen erklären.

Dass vor den die griechische Zeitrechnung bestimmenden olympischen Spielen bereits Wettläufe von Mädchen stattgefunden haben, können Wissenschaftler zwar nicht leugnen. Ich halte es aber für wichtig, dass Sie etwas erfahren, was üblicherweise unterdrückt wird.
"Spiele, Feste und Kulte gehen auf mythische Zeiten zurück, nach L. Drees ... sogar auf vordorische matriarchale Kulte." (Pauly, 4, 286)

Aber nun hören Sie die Beurteilung einer solchen Erkenntnis:
"Für Mädchen gab es einige Wettspiele, die zu Ehren der Hera alle vier Jahre zwischen den großen Olympiaden abgehalten wurden. Sie bestanden lediglich aus einem Wettlauf und erlangten nie die Bedeutung der großen Spiele." (Kirsten-Kraiker 1, 268)

Heraion. Grundriss, relativ lang gestreckt mit 6 zu 16 Säulen, und Profil.  (Zum Vergrößern anklicken)

Die beiden Bronzestatuetten der Mädchen stammen etwa von 520 - 500 v.u.Z.
(Zum Vergrößern anklicken)

1. Diese Mädchen-Wettläufe bestanden bereits lange vor den "großen Spielen".
2. Die ersten 13 Olympiaden der Männer waren ebenfalls "lediglich" reine Läufe. Erst später traten andere Disziplinen hinzu. Die Mädchen-Läufe hatten rein kultischen und keinerlei sportlichen oder kämpferischen Charakter. Sie wurden auch in vorhellenischer Zeit nicht in einem Stadion veranstaltet, sondern führten über abgeerntete Felder unter der Schirmherrschaft der Göttin Demeter bzw. ihrer Priesterin. Demeter ist also eine weitere wichtige Göttin in Olympia, die ich jetzt erwähnen muss. Sie ist die eine chthonische Gottheit wie z.B. Hekate oder die Erinnyen. Demeter ist den geheimnisvollen Gewalten der Erdtiefe verbunden und steht daher Gaia nahe. Sie hatte am Nordrand des Stadions einen Altar, der wieder gefunden wurde, mit einem Kultbild versehen. Außerdem wurde sie in einem Tempel verehrt.
3. Über die Bedeutung der Wettläufe für die vorhellenische Gesellschaft kann dieser Autor offensichtlich wegen seiner vorurteilsbeladenen Sicht gar nicht befinden. Ganz in seinem Sinne wird der Ursprung der olympischen Spiele von Touristenführern und Büchern über Olympia und die olympischen Spiele unterschlagen. Obwohl ja meist im Älteren die Wurzeln für das Jüngere gesehen werden, werden sie, da sie in unseren Zusammenhang weiblicher Natur sind, einfach verschwiegen oder herabmindernd dargestellt, in Nebensätze abgedrängt. Schon die Wortwahl kann dann verräterisch sein. Hören Sie sich folgende Feststellung an, diesmal bezogen auf die sog. Großen Spiele: "Frauen und Mädchen waren als Teilnehmer (!), verheiratete Frauen nicht einmal als Zuschauer (!) zugelassen." (Kirsten-Kraiker, S. 268)

Und nun untersuchen wir einmal diese "bedeutungslosen" Wettläufe der Mädchen.
Die Landschaft, in der Olympia liegt, Elis, war eine Hochburg des Mutterrechts. Nicht umsonst sind die ältesten Kultstätten, wie wir gesehen haben, weiblichen Gottheiten gewidmet. Bevor die patriarchalische Herrschaft Hera zu einer zänkischen und eifersüchtigen Ehefrau degradierte, wurde sie in ihrer Dreifaltigkeit (Mädchen, Mutter, Alte) in vielen Gegenden der Balkanhalbinsel verehrt. So auch in Olympia, wo ihr Tempel, als erster Tempel dort überhaupt, bereits im 7. Jahrhundert v.u.Z. errichtet wurde. Bereits lange vor der Dorischen Einwanderung (um 1200) in den westlichen Peloponnes haben Mädchenwettläufe stattgefunden. Die späteren sog. Heraia sind also als "ein einzigartiger Rest eines matriarchalen vorhellenischen Festes" (Pauly 2, 1031) anzusehen. Wie müssen wir uns nun diese frühen Mädchenwettläufe vorstellen?

Sie waren der Hera zugehörig und so Teil eines regelmäßig wiederkehrenden Göttinnendienstes. Die Heraia wurden von 16 Frauen ausgerichtet, die alle vier Jahre mit ihren 16 Dienerinnen der Göttin ein neues Gewand woben und den Wettlauf der Mädchen veranstalteten. Die Gewinnerin erhielt einen Siegeskranz aus Zweigen des wilden Olivenbaumes - der Olivenbaum ist der heilige Baum von Olympia - und einen Anteil der Kuh, die nach dem Wettlauf Hera geopfert wurde.

Die Heraia fanden am Neumond zu Beginn des Monats Parthenios statt, also in einer matriarchalen Konstellation der Festzeit von Nacht und Neumond, im Gegensatz zu den späteren patriarchalen Spiele, für die Tag und Vollmond maßgebend waren.

Rituelle Läufe

Flurumgänge an Christi Himmelfahrt als Bittgang für eine gute Ernte sind in Europa bis heute noch weit verbreitet. Die christlichen Kirchen haben sie aus der matriarchalen Zeit übernommen.

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Die Prozession an Fronleichnam, bei der "der in der verwandelten Hostie gegenwärtige Leib des Herrn dem gemeinen Kirchenvolk gezeigt" wird, bietet den kirchlichen Rahmen für den bereits aus vorchristlicher Zeit stammenden Brauch, im Frühsommer die Felder zu umgehen, zu umlaufen oder zu umreiten. Seit dem späten Mittelalter führen die Fronleichnamsprozessionen als Flurprozessionen hinaus vor die Dörfer und Städte. Heute beschränken sich die Gemeinden auf innerörtliche Prozessionswege, deren Verlauf mit frischem Grün, Blumen und Fahnen geschmückt wird. Entweder macht die Prozession Halt an vier Stationsaltären, oder sie zieht sternförmig zu einem Altar an einem freien, markanten Ort, an dem Eucharistie gefeiert wird.

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Hadsch (die Wallfahrt nach Mekka) ist eine der religiösen Grundpflichten eines jeden Moslem. Ziel der Wallfahrt ist in erster Linie die Kaaba, die von Abraham und seinem Sohn Ismael als Haus Gottes und der Menschen erbaut wurde (Koran 2/124 - 129). Die Wallfahrt ist nur gültig, wenn die Pilger sich den Bedingungen eines besonderen Weihezustandes (Ihram) unterwerfen und die obligatorischen Wallfahrtsrituale zu vollziehen. Eines dieser Rituale ist das "Tawaf" (Rundlauf um die Kaaba). In der Heiligen Moschee in Mekka beginnt der Pilger mit dem siebenmaligen Umlauf um die Kaaba. Der Umlauf beginnt an dem in einer Ecke eingemauerten Schwarzen Stein und endet auch dort. Abgeschlossen wird jeder dieser Rundläufe mit dem Tawaf-Gebet und jeder Muslim bemüht sich während der Rundläufe den schwarzen Stein zu küssen oder zumindest in dessen Nähe zu kommen.

Der schwarze Stein in der Kaaba von Mekka

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Siebenmal umrundeten sieben Priester an sieben Tagen mit der Bundeslade die Stadt Jericho, ehe das Blasen von sieben Posaunen die Stadtmauern zum Einsturz brachten (JOSHUA, 6).

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Bei der Krönung muss ein ägyptischer Pharao verschiedene Rituale vollziehen. Die dritte Zeremonie heißt "Pekher-ha-ineb" - "Lauf um die Mauer", wobei der eine Shenu, eine komplette Runde, um den Tempel läuft, um als Pharao bestätigt zu werden.

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Kennt du ein Rund- oder Umlaufritual?
Email an matriarchat.net

Ich möchte jetzt den Versuch unternehmen, die einzelnen Phasen der Entwicklung der Olympischen Spiele zu skizzieren.

1. In vorhellenischer Zeit gab es Mädchenläufe in einem kultischen- Zusammenhang. Sie führten über abgeerntete Felder und waren somit Läufe, die die universalen Wandlungs-Zyklen des Jahreskreises spiegeln, wie wir sie in Gegenden Westeuropas noch im vergangenen Jahrhundert erleben konnten und die als "Stoppelläufe" oder "Schäferinnenläufe" bekannt waren. (Ich habe sie in meiner Kindheit in Urach, Baden-Württemberg, noch erlebt). Die Mädchenläufe standen in Olympia in Verbindung mit der Leben spendenden Magna Mater.

2. In einer zweiten Phase werden auch Jungen zu den Wettläufen zugelassen.

3. In einer dritten Phase - und hier kommt der Mythos von Hippodameia und Pelops zum Tragen - laufen die Mädchen um die Krone des Jahres, also darum, die Braut, die Hippodameia, dessen zu werden, der das Wagenrennen gewinnt. Das siegreiche Mädchen symbolisiert den Mond und der Sieger im Wagenrennen die Sonne.

4. Erst in der vierten Phase, nach der Dorischen Wanderung und der Übernahme Olympias durch die Stämme, die Zeus als den höchsten Gott verehrten, verloren die Spiele immer mehr ihren alten kultischen Charakter. Sie galten nicht mehr dem Hieros Gamos (Heilige Hochzeit), sondern der Verherrlichung des neuen Gottes, Zeus.

Trotzdem kannten - wie schon erwähnt- die ersten 13 Olympiaden der Männer noch in der alten Tradition als einzigen Wettbewerb den Lauf. Erst später kamen andere Disziplinen hinzu, wie z.B. 724 der Doppellauf, 720 der Langlauf, 708 der Fünfkampf usw. 680 wurde zum ersten Mal als Disziplin das Wagenrennen mit Viergespann aufgenommen. Und wir fragen uns, warum gerade diese Disziplin mit ihrer uralten vorhellenischen Tradition?
Das Wagenrennen war ja bislang innerhalb des Hieros Gamos-Kultes der Wettbewerb der jungen Männer gewesen und war es noch zu der Zeit der Zeus-Spiele.
Hier nun die Antworten von L. Drees:
"Im Sinne der Reform, die ein dem olympischen Zeus eigens geweihtes Fest begründen wollte - das Fest der Magna Mater war ein Anliegen der Altstämme -, wurde das Wagenrennen aus der Liturgie des Herafestes herausgelöst und in die des inzwischen entstandenen Zeusfestes eingebaut ... Die Heräen verblieben, in einer allerdings verkümmerten Form, im Besitz der verheirateten Frauen und dürften auch weiterhin ihre alte Festzeit beibehalten haben. Das Wagenrennen wurde fürderhin nicht mehr im Rahmen eines Frauenfestes sondern, von der Heiligen Hochzeit in jeder Hinsicht getrennt, in dem eines Männerfestes veranstaltetet". (Drees, S. 121)

Wenn Sie also, liebe Leserlnnen, in all den schön ausgestatteten Büchern, die sicher schon zur nächsten Olympiade erscheinen, die berühmten Bilder der Hippodameia und des Pelops auf dem Wagen mit dem Viergespann betrachten, bedenken Sie, dass das Dargestellte seinem Wesen nach mit den datierten olympischen Spielen der alten GriechInnen wenig zu tun hat. Vielmehr wurde die Geschichte des Pelops und der Hippodameia benützt, um diese dem Zeus geweihten Spiele in alten Zeiten zu verankern. Dabei wurden zum Zweck der eigenen Erhöhung die alten Spiele, die der Initiation, Wandlung und dem Leben/Tod-Zyklus dienten, zerstört.

Wenn Sie nun also im Stadion stehen und die Laufbahn hinunterschauen und vielleicht sogar hinterwandern, möglicherweise einen kleinen Spurt einlegen, tun Sie das im Gedenken an die Schöpferinnen des wahren Ursprungs der Spiele vor einigen tausend Jahren.
Können Sie sich vorstellen, dass bei den neuzeitlichen Spielen 1896 die Teilnahme von Frauen verboten war? Nur gegen den massiven Widerstand des Begründers, P. de Coubertin, durften Frauen 1900 teilnehmen.

Heraion, vom Westende der Cella
Heraion in Olympia

Hera

Hera war die Mutter der Götter, auch der olympischen. Griechische Autoren versuchten sie dem Zeus unterzuordnen, obwohl es sie schon viel früher gegeben hatte und Zeus Hera gegen deren Willen geheiratet hatte. Ihre ständigen Streitigkeiten in der Literatur  spiegeln die Reibung zwischen den ersten patriarchalen und den früheren matriarchalen Kulten wider. Hera war ursprünglich eine weibliche Trinität, die aus Hebe, Hera und Hekate - Neumond, Vollmond und Halbmond - bestand.

Die Mondzyklen spielen in den alten Tempelschulen, wie dem Heraion, eine wichtige Rolle. Die Initiation der Mädchen zu Beginn ihres Zyklus, später auch der jungen Männer, die die Mondscheibe (Diskus) im Bogen warfen, und zwar aus dem gleichen Grund wie in den aztekischen Kulturen Bälle als Symbole für den Lauf der Gestirne geworfen wurden -, so wie das stellen von Orakeln waren wichtige Aufgaben der Tempelpriesterinnen, als Stellvertreterinnen der Göttin.

Welchen Nutzen Frauen und Männer aus dem Studium an solchen einer "Mond-Hochschule" ziehen konnten, ist unterdrückt und vergessen worden. Es bedeutet für Frauen Einfluss auf die Regelmäßigkeit ihres Zyklus zu nehmen, die durch ihn hervorgerufenen Gefühle und Fähigkeiten zu erkennen; das Wandlungspotenzial, das ihr innewohnt anzuwenden lernen, als Hypnose, Selbsthypnose oder Trance für sich und zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen.

So wie C. G. Jung von den inspirierten Äußerungen "verrückter" Frauen lernte, lernten im Altertum die Griechen von ihren "besessenen" Orakeln. Ohne die Befragung des Orakels unternahmen die Griechen weder im privaten noch politischen Leben auch nur irgendeinen Schritt. So könnte es durchaus sein, dass die Schülerinnen der Hera-Kollegien nicht nur Lauf-Rituale lernten, sondern auch die durch Trance inspirierte Rede, denn die Orakel wurden monatlich verkündet.

Stones klassische psychologische Studie zeigt, dass das einzig messbare Unterscheidungsmerkmal zwischen bereits menstruierenden und noch nicht menstruierenden Mädchen die größere Fähigkeit der ersten zum bewusstseinserweiternden Tagträumen ist.(3)

In Stammeskulturen wird der ersten Menstruation eine entscheidende Bedeutung beigemessen und entsprechende Rituale abgehalten. Über den Ritus eröffnet sich der jungen Frau die Möglichkeit zu einer gewissen abgeschiedenen Meditation. Sie lernt, sich tief in sich selbst zu versenken, gleich einem Abstieg in die Unterwelt oder Traumwelt. Die Frau hat den unschätzbaren Vorteil einer monatlichen Wiedergeburt ihres Ichs, also zu einer bewussten Inanspruchnahme von Instinkten und Kräften der Erneuerung. Im Idealfall sollten Männer imstande sein, die Erfahrung dieses Rhythmus zu teilen und ebenfalls transzendentale Schwellen zu überschreiten, so wie es bei Initiationen geschieht.

Im weiblichen Zyklus pulsiert eine Natur, die rhythmisch erstirbt, um im Blut und durch den Abstieg in die Unterwelt wiedergeboren zu werden. Dieser Prozess ist überall auf der Welt in Mythen und Ritualen dargestellt worden, wenngleich der Gang des "Mannes der Hera" (Hero) in die Unterwelt viel bekannter blieb. Aber beide - Frau und Mann - erneuern sich im Zyklus des Todes und der Wiedergeburt. Die Frau kann sich aufgrund ihrer Natur nicht entziehen; der Mann muss sich absichtlich für eine bewusstseinserweiternde Einweihung entscheiden, etwa wie sie bei den Mysterien von Eleusis vorgenommen wurden, heute noch selbstverständlich sind für alle 13jährigen Knaben bei den Dagara in Afrika (4) und wieder belebt werden bei den Nachkommen der Inkas in Peru.(5)

Statt der vielen verschiedenen Jahreslisten der griechischen Staaten, wurde von einigen Historikern der vierjährige Zyklus der Festspiele (Panegyris) auch als anerkanntes chronologisches Bezugssystem verwandt.

Im Zusammenhang hiermit sind die Untersuchungen aufschlussreich, die der englische Althistoriker George Thomson angestellt hat. Er geht davon aus, dass die Olympischen Spiele abwechselnd in alternierenden Intervallen von neunundvierzig und fünfzig Mondmonaten am Vollmondtag stattfanden. Sie fielen deshalb nicht immer in den gleichen Monat, sondern abwechselnd in den Apollonios, den achten Monat nach der Wintersonnenwende, und in den ihm folgenden Parthenios. Da ferner der olympische Siegespreis lange Zeit ein Olivenkranz aus den Zweigen der in den Einhegungen wachsenden heiligen Ölbäume war, vermutet Thomson, dass der ursprüngliche Kern des olympischen Festes eine Einweihungszeremonie gewesen ist, die mit der Ernte verbunden war.

Es gab noch viele andere Entsprechungen von Hera. Ihre frühere Version war Rhea, die prähellenische Große Mutter, die dann als Mutter der griechischen Hera in die Mythologie einging. In Babylon hieß sie "Erua, die Königin, die über die Geburt gebietet". Die Römer nannten sie Juno  (6) und als namengebende Göttin des alten Irland trug sie den Namen "Lady Eire" oder Eriu.(7)

Link:

Rundgang durch den heiligen Bezirk von Olympia - eine empfehlenswerte, optisch schön gemachte Seite des Luise-Schröder-Gymnasiums in München

 

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Quellen:

  1. Text von Sigrid R. Ammer, erschienen in neaFon, einem deutsch-griechischen Kulturmagazin, mit Ergänzungen bzw. Änderungen von Hannelore Vonier
  2. Ranke-Graves: Griechische Mythologie 1, Seite 37
  3. Shuttle, Penelope, Die weise Wunde Menstruation.
  4. Somé, Malidoma Patrice, Vom Geist Afrikas - Das Leben eines afrikanischen Schamanen.
  5. Ponce de Léon Paiva, Antón,  Die Sonnenbruderschaft - Die Geschichte einer wahren Inka-Einweihung.
  6. Barbara G. Walker, Das geheime Wissen der Frauen
  7. Graves, Robert, Die weiße Göttin
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